Therapie ist Prävention

Meine Vision für eine Therapie mentaler Gesundheitsprobleme

Neben Vorbeugung und Verhinderung  von psychischer Krankheiten gibt es auch kurative Ansätze, die  über die Psychopharmaka- und  Psychotherapie hinausgehen, indem sie an den Basics ansetzen, an den Wurzeln unserer Existenz, dort nämlich, wo Gesundheit  und Krankheit  gebahnt werden.

Das erste Basic ist unser Genom, die Summe unserer Erbanlagen. Seit 2003 vollständig entschlüsselt,  auf ca. 22 000 Genen (wir haben  ebenso viele Gene wie der Fadenwurm) ist das Script unserer biologischen Existenz geschrieben, zu 98,6% ident mit dem Genom des Schimpansen, von dem wir uns vor ca. 6 Mio. Jahren langsam fortentwickelt haben, zu der Menschheit die heute unsere Erde bevölkert.

Das wir uns  doch so deutlich vom Schimpansen unterscheiden, obwohl unsere genetische Ausstattung fast ident ist, liegt vor allem am 2. Basic, der Epigenese: Die Entschlüsselung des Epigenoms,  nämlich der Programme, die dafür zuständig sind, was  aus dem genetischen Script mit seinen ca. 18 Billionen Buchstaben exprimiert, d.h. in Existenz umgesetzt  wird, die Entschlüsselung dieser epigenetischen  Software, scheint eine  wissenschaftliche Revolution zu werden. Das heißt nichts anderes, als dass wir unser Schicksal mehr oder weniger selbst in der Hand haben, denn diese epigenetischen Programme sind weitgehend von unserem Gesundheitsverhalten abhängig.

Die Umwelt und unser Verhalten steuern das Ausmaß unserer Gesundheit und in Grenzen unsere Lebensdauer: gesunde Ernährung, reichlich Bewegung, liebevolle Berührung, moderater Stress bei der Bewältigung von Belastung und achtsame Beziehungsgestaltung können  das genetische Skript für ein erfolgreiches Leben so transformieren, dass genetische Risikofaktoren stumm geschalten werden. Leider nicht immer, denn es gibt Beispiele, da sterben Menschen relativ jung, etwa an einem Karzinom, obwohl sie scheinbar alles getan haben, um gesund zu bleiben. Es gibt auch ungünstige Kumulationen: z.B. entwickeln Trägerinnen von brac1 zu 50% ein Mamma-Carcinom, kommt eine belastende Epigenese in der Perinatalzeit dazu (Mutter hat geraucht, Alkohol konsumiert und viel Stress gehabt), und wurde das Baby zu wenig gestreichelt, kann auch eine spätere gesunde Lebensweise nicht ausreichen, um vor einer tödlichen Erkrankung zu schützen.

Hier müssen strikte Vorsorgeuntersuchungen eine Früherkennung ermöglichen bzw.  eine besonders achtsame Lebensführung die Expression des Risikogens durch andocken eines Riegel verhindern.                                                                              

Schaut man nur ein bisschen in diese molekularbiologischen Transformationsprozesse hinein, in die Welt der biologischen Schalter, Histone und Micro-RNA, öffnet sich im Staunen über diese Wunderwelt  das 3. existentielle Basic: die Spiritualität, das Wesentliche, das Wesen als Kern der Existenz, zeitlebens eingebettet in das jeweils individuelle bio-psychosoziale sein. Die Spannung zwischen dem Wesen eines Menschen und seiner bio-psychosozialen Behausung ist Thema der biopsychosozialen Wissenschaften. Liegt doch gerade in dieser Relation  das Kontinuum von Gesundheit und Krankheit: wer gegen sein Wesen lebt oder leben muss, wer “sein Lied nicht singen kann”, wie der Psychoonkologe LeShan es trefflich formuliert, bekommt früher oder später gesundheitliche Probleme.

Wie präventive Therapie in der Praxis aussehen kann

Diagnostik wird zum Assessment präventiver Medizin. Eine Gen-Analyse zeigt die ererbten Risikofaktoren auf, eine sorgfältige Anamnese der perinatalen  Bedingungen sowie der folgenden sensiblen Entwicklungsperioden weisen auf die in den Zellen gespeicherte Epigenese hin,  die gespeicherten Reaktionen auf die Umwelt, die Erfassung des Lebensstiles (Ernährung, Bewegung, Mentales) weisen auf die aktuelle Epigenese hin.

Für ein erfolgreiches Genaktivierungsprogramm muss die klassische medizinische/psychologische Diagnostik durch eine Lebensstil-Analyse ergänzt werden.

Die Zusammenschau der Untersuchungsergebnisse bestimmt die Therapie, welche die transformationspotentiale gesundheitsbewußten Verhaltes nicht als fakultatives Beiwerk, sondern als roten Faden in die Therapie aufnimmt.

Was ist mit der spirituellen Dimension?

Medizinische und Psychologische Therapien mit der  Intention dem Wesen zu begegnen können per se ohne Technik heilend wirken. Mehr noch: Der Blick in die Wunderwelt der Mikrobiologie ist der Versuch, die Seele anzuschauen, dem Wesen des Patienten näher zu kommen, durch das Licht und  die Schatten des ich und des selbst hindurch, des eigenen und des anderen, ist dieser Versuch ein Blick in unsere gemeinsame Ewigkeit.

Jeder hat einen bisschen anderen Zugang zum Wesen, bei mir ist es die Freude in der Begegnung, der stets zündende Optimismus, der als Funke überspringen kann: Dafür möchte ich danken. Wem? Dir, dass es Dich gibt.

Prim. Dr. Thomas Platz, am 29.6.2020

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